Meer Jungfrau

Ich möchte einfach in ihnen versinken, wie ein Schwamm, der sanft durch weichen Schaum gleitet, hinab auf den Boden der Stille. Da wo ich sein kann, und ich meine, einen Platz im weißen Sand gemalt vorzufinden. Jedenfalls hoffe ich das, irgendwann dort anzukommen, in völliger Einheit und Schwebe zwischen Innen und Außen. Dazwischen und irgendwie daneben. Gesetzt und gestellt, groß und klein, ganz neu erfundene Wasserseiten zu ertauchen, und es in mich aufzunehmen. Hineinzukriechen, in all diese Muschelmenschen, die für mich Behausung und Zuflucht bedeuten.
Meine Hülle habe ich kalt und leer vorgefunden. Zwischen Sand und Stein bildeten sich kleine Salzkristalle am Rand meiner Schale ab. Regenbogenfarben, versammelten sich im Weiß des Meereskörpers. Das monotone Rauschen wob in immer dichteren Fäden, feine Klangwälder in meinen damals hohlen Ohren. 

Sie haben mich einfach ausgespuckt, quasi über Bord geworfen, so dass ich an Land aufwachte, und durch verklebtes Haar, Algen und Sand den Horizont sehen konnte. 

Mein schuppiger Fortsatz bewegte sich schlängelt, ungewohnt und fremd, so dass ich zuerst nicht aufzustehen vermochte. Sah ich doch nun den Fischen ähnlich, nur das lange Haar, Gesicht und Torso erinnern an das Menschenkind.

Als ich mich zu wandeln begann, bemerkten sie es zunächst nicht. Ich fiel schließlich der Länge nach zu Boden, schlug mir an Ellbogen und Kinn die Knochen auf. Aber es ging, ich lernte mich hochzuziehen und konnte meinen Flossen befehlen, doch nur einige Minuten gerade zu stehen. Kleider verdeckten lange, was keiner bemerkte. Treppen stellten unüberwindbare Hindernisse dar, steinern säumten sie die Straßen und Wege und meine Hände, züchteten einen wuchtigen Berg an Schwielen heran. Meine starken Arme hielten mich aufrecht. 
Ich lernte mit der Zeit dazu. Auch kannte ich ihre Sprache nicht und lauschte lieber unaufhörlich dem Meer, das mir vorsang, was meine eigene Herzensmelodie stets vergaß. Dass es irgendwann einmal Zeit wird, Tauchen zu lernen. Zurückzukehren und zu enttäuschen, das Bild herauszureißen, dass sie von mir gezeichnet. Lange gerade Beine gibt es schon länger nicht mehr. Stattdessen sprießen bunte Verhornungen auf meiner unteren Körperhälfte. Mit den Flossen blieb ich schon einige Male in Augenwinkeln hängen. Sie verfingen sich wie störrische Widerhaken in Mündern, Haaren und Ohren. Menschliche Herzen blieben ihnen verschlossen, dabei wollten sie doch nur einmal ausruhen von Widerborstigkeit und einfangen, ein Herz oder auch ein Wort. Vergeblich.
Ich liege nun hier und warte auf die Flut. Sie möge mich auf ihren sanften Wellen, fort durch das Tal der Tränen tragen, und hinein zu den Muschelmenschen leiten. Ich werde zu ihnen schwimmen, das Meer atmen und meine Flossen gleiten, so wie jeher geträumt, ohne Widerstand durch das Wasser Ich werde tief einsinken in Herzenskissen, mich geborgen und neu fühlen. 

Meine Kleider habe ich abgelegt, Mutter und Vater Lebewohl gesagt. Um auf den Grund zu schwimmen und zu atmen.
  

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