Blick aufs Meer 

Auf der Fähre ans Festland fahren. In den klimatisierten Passagierräumen ist es angenehm, aber schattig. Die Sonne fehlt. Einige Zeit in der frischen Kühle und sie fehlt mir einfach. Da fängt es schon an. Wie gut, dass ich für Ausgleich sorgen, und sie mir schnell ins Gesicht scheinen lassen kann. Draußen auf Deck ist der vordere Teil des Schiffes, der Bug, durch ein langes Geländer vom zugänglichen Teil abgetrennt. Dahinter kann man Seilzüge und manuelles Gerät erkennen, vermutlich um Anker und Taue zu ordnen oder hochzuziehen. „No entry“ steht auf einem Schild, welches direkt an die Rückwand eines Gerätes, gut sichtbar, angebracht ist.
Ich schaue mich um, die Sonne tut gut. Ich merke, wie ich mich entspanne. Aufwärme, entfalte. Der Wechsel von kühl zu heiß ist es, der mich glücklich, ganz macht. Ich brauche beides.

Da, vorn kann ich über das Meer schauen, und schon die Spitze von Sura Thani erkennen.

„Jetzt sitzen und es sich mit Blick auf das weite Meer bequem machen“, denke ich, und sehe mich nach einer Sitzgelegenheit um. Es gibt keine. Alle Passagiere stehen an der Reling seitlicher oder frontal.

Ich überlege nicht lange, und setze mich direkt frontal hinauf, stütze die Beine auf das untere Geländer ab, wohlgemerkt hängen sie nun in den „verbotenen Bereich“ hinein, dennoch breche ich keine Regeln, ich dringe ja nicht richtig in diesen Bereich ein, denn ich spaziere nicht in ihm herum.

Fremde Regeln und Bräuche sind mir wichtig, dennoch kann ich sie akzeptieren ohne mich einschränken zu lassen. Also genieße ich die Aussicht, und lasse mich bescheinen, ruhig liegt der Golf von Thailand vor mir. Ein überwältigendes Freiheitsgefühl flutet mich.
Zwei Passagiere die neben mir stehen werden unruhig. Sie schauen mich argwöhnisch an. Ich beobachte es ruhig und mache mir so meine Gedanken. Über Regeln, Freiheit, das Große Ganze, und was das mit mir zu tun hat.

Meine beiden Mitreisenden zaudern und hadern. Man kann förmlich ihre Gedanken hören. Sie wollen auch hinauf auf die Reling, da wo ich sitze, doch sie trauen sich nicht, das kann ich sehen. Sie scheinen vor den eigenen selbst geglaubten Ängsten zurück zu schrecken. Korrekterweise sind es gar nicht ihre eigenen, es sind fremde, aufdoktrinierte, vor denen sie nun buchstäblich kapitulieren. Was ist wenn einer sagt, dass ist nicht richtig?
Aber was könnte schon geschehen? Sollte man mich vom Schiff schmeißen, direkt über Bord, denn ich bin im Begriff mich nicht regelkonform zu verhalten?

Aber nichts passiert, im Gegenteil. Niemand beäugt mich seltsam.

Nur diese Gestalten die an der Reling stehen, und selbst gern hinaufklettern würden. Die einen sind unruhig, hampeln von einem aufs andere Bein, schauen missgünstig oder bewundernd. Die meisten blicken ruhig aufs Meer, haben ihre Position gefunden. Die stört es nicht, sie scheinen es kaum zu registrieren. Aber diejenigen die es sich nicht trauen, an sich selbst scheitern, ihre Wünsche verleugnen aus Angst aufzufallen, die würden es mir lieber verbieten.

Denn an mir wird ihnen und ihr eigenes Bedürfnis bewusst. Ein Bedürfnis das mit der Angst vorm Auffallen kollidiert. So was nennt man eine kognitive Dissonanz.
Sie schauen wütend und empört zwischen dem Schild „no entry“ und mir hin und her. „So was müsste jetzt aber bestraft werden, das geht doch nicht!“ kann ich in ihren Gesichtern lesen.

„Doch!“, setze ich mit meiner puren Existenz dagegen.

Es geht.

Und es ist ganz irgendwann ganz leicht.

So entsteht Intoleranz. Durch Dissonanzen im Denken und Fühlen.
Die eigene Reling entsteht im Kopf. Und die meisten halten sich zitternd oder zaudernd daran fest, anstatt sie zum gemütlichen Ausblick zu nutzen. Aber dafür muss man sie flexibel betrachten können, oder auch erst einmal in Frage stellen. Das kostet Zeit und Kraft.

Ich gebe zu, es ist zu Beginn ziemlich mühsam, die Angst, ob einer guckt (denn sie werden erstmal gucken und staunen, doch das legt sich schnell), ob es jemanden bemerkt, schließlich halten sich alle dran, es wird doch seinen Grund haben dass sie besteht. Oder?
Ja und nein.

Für die einen ist sie sicherlich Zuflucht, Halt und Orientierung.

Diejenigen wählen Sicherheit vor Freiheit.

Für die anderen ist sie Begrenzung, Einschränkung und ganz oft irgendwann ein Gefängnis.

Denn der Drang, hinaufzuklettern und einen Blick zu erhaschen, zu atmen und weit zu sehen schreit so laut, dass sie zeitlebens an der Reling leidend zugrunde gehen würden.

Für sie bedeutet sie die pure Folter. Das sind diejenigen, die sich nicht weiter unter ihren Möglichkeiten aufhalten wollen. Sie wollen weiter sehen und auch wachsen.
Fakt ist, ich und auch die anderen haben eins gemeinsam: ein jeder akzeptiert die Reling, nur bewerten wir sie unterschiedlich. Ich danke der Reling, denn sie lässt mich sitzen.

Aber ich lasse mich nicht von ihr bestimmen. Oder am Sitzen hindern.

Eine Regel ist nur so sinnvoll wie ihre Funktion. Oft schränken sie unnötig ein, ohne dass es jemand hinterfragt.

Was würde mir da nun verwehrt bleiben?

Ein unverwechselbarer Blick auf das offene Meer.

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