Kein Text über Liebe

Phönix

Dich töten tat ich schon so oft. Ich frage dich „machst du mit“ und schon kämpfen wir. Ich hasse und töte dich mit Abweisung bis du taumelst. Dir wird schwindelig. Seit Tagen sind wir im Kampf, hier auf offenem Feld sind wir allein. Offenes Visier, Zahn um Zahn. Und jeder Schlag trifft, jedes Mal geht etwas zu Bruch. Wir sind im Vernichtungsmodus, Blut spritzt, Zähne fliegen, Knochen brechen. Oder eher Seelen. Unsere Seelen schreien und flehen, sie sind die einzigen die es besser wissen. Sie wollen retten, sich dazwischen werfen, doch keine Chance. „ Ihr liebt euch so sehr, haltet doch ein mit euren Waffen die nur Verderben und Ego sind!“, rufen sie. Doch vergeblich, du, ich – wir hören sie nicht.

Nein. Ich dich, du mich, es ist erst vorbei wenn es vorbei ist. Bis in die tiefsten Höhlen hinauf auf den höchsten Berg wird gemetzelt was das. Zeug hält. Wir zerstören und töten alles was uns lieb ist, es ist alles recht. Nur bestrafen wollen wir für alles. Für all das Ungeleibtsein was uns je widerfahren ist. Auf ewig sollen alle bluten und in der Hölle schmoren dafür. Auf ewig, koste es was es wolle. Denn der andere ist schuld. Wir sind überzeugt davon, dass der andere mit Sicherheit etwas tun könnte, uns bewahren könnte vor Verrat, Übergriff und Bedrängnis.

Doch der tut es nicht. Und dafür muss er büßen, er muss bezahlen.

Was wir nicht wissen ist, der andere ist gar nicht da.

Wir sind allein. Ein jeder auf seiner Seite. Zwischen uns ein riesiger Fels. Und so prügeln wir auf ihn ein, denn wir meinen der andere stünde uns gegenüber. Wir sind blind, wähnen Gesichter, Worte und Taten an des Felses Stelle und kämpfen. Jeder auf seiner Seite. Wir brüllen uns an, über den hohen Fels hinweg brüllen wir, der andere solle doch aufhören oder für unser Leid bezahlen. Und stetig kommt ein „nein, beende du es doch!“ zurück.

Immer geht ein Schlag ins Leere und der Fels tut wie im geheißen, hier im Land der Illusion zeigt er das was wir sehen wollen. Er zeigt schmerzverzerrte und verzweifelte Gesichter. Verletzte Glieder, gebrochene Herzen, Trennungen, einen Schaden nie zu reparierenden Ausmaßes.

„Stopp!“ rufst du.

„Was ist?“

„Komm, jetzt gib nicht auf, stell dich du elendiger Feigling, ich will es beende, jetzt und hier!“ brülle ich zurück.

Doch du sagst „nein!“, kommst über links an mich ran und ich erschrecke.

Du standest mir doch gegenüber und ich schaue auf den steinigen Fels, der leblos Zeuge wurde von einem Wahn der keine Grenzen kennt.

„Komm. Gib mir das!“

Du nimmst mein Schwert und legst es weg.

„Das bringt doch nichts“.

Ich bemerke dass wir hinken. Deine Rechte Seite hat es ordentlich abbekommen.

So wie meine linke.

„Wie kann das sein?“, frage ich dich.

„War es doch nicht echt“?

Doch. Es war alles echt.

„Solange du und ich davon ausgehen. Alles ist echt was wir beschließen.

Mach die Augen zu wir gehen zurück“.

Dann Stille.

Stopp.

Pause.

Inmitten der endlosen Weite einer Steinwüste steht eine Couch. Samtig ist die, und weich.

Wir lassen uns auf der Couch nieder. Du hast deinen Kopf auf meinem Schoß, die Augen geschlossen. Ich sitze ganz links, du hast deine Beine ausgestreckt. Ich streiche über deine Augenbrauen. Ich streiche sie aus. Du sollst entspannen.

Erschöpft sind wir, ich reibe mir die Augen.

Wir leben noch. Wir, das heißt unsere Beziehung lebt. Wieder oder noch, wir können es nicht ausmachen, wir wissen nur, wir haben einiges hinter uns dass wir überhaupt hier zusammen gekommen sind und noch daran glauben. Das Liebe tatsächlich ist zwischen uns.

„Wie oft haben wir uns jetzt getötet?“ Frage ich dich und du brummst etwas vor dich hin.

„Mh, glaub zehn bis zwanzig Mal waren es bestimmt!“, sagst du und machst die Augen auf und wieder zu.

Ich streiche über deinen Körper, er ist ganz warm. Ich mag ihn. Ich mag wie er sich anfühlt und wie er riecht und eigentlich alles was mit ihm zusammenhängt, denn das bist ja du.

Töten ist ein schlimmes Wort. Denke ich. Aber ja, er hat recht. Gäbe es Orden für Beziehungsschlachten, wir könnten beide auf eine ansehnliche Anzahl schauen.

Hier ist es so friedlich.

„Was war denn?“ sagst du und ich sage „Das Übliche“.

„Ach so“

Ich küsse dich auf die Stirn. Ich will dich umsorgen, dich nie mehr loslassen. Oh Gott waren wir grausam zueinander.

Wir lieben uns. Sehr. Wir sind uns so ähnlich, wir fühlen ähnlich und sehen die Welt mit derselben Brille. Wir sind ein Traumpaar, es gibt nichts zu streiten, unsere Liebe ist sehr tief, wir vertrauen einander und kennen jede Seite des anderen.

Bis wir in den Krieg ziehen.

Dann ziehen wir unsere Wortgewandten Schwerter voller Analytik und Psychologie über die Kehle des anderen als gäbe es kein Morgen.

Dann bläst das Horn zum Sturm und die Angriffslinie wird gebildet. Dann, ja dann.

Traumatisierte Menschen leben im Trauma. Sie können auch ohne, bis sie in so ähnlich nahen Beziehungen sind wie sie äquivalent nur mit den ersten Bezugspersonen waren. Ein Trauma entsteht wenn ein Kind für eine gewisse Zeit einer emotional überfordernden Situation ausgesetzt war, di sich tief in die psychische Struktur eingebrannt hat. Und daraus resultieren nich viel mehr Ansatzpunkte für negative Glaubenssätze, Verhaltensmuster usw.

Ein Verlassenheitstrauma lässt die Betroffenen alte existenziell bedrohliche Gefühle des Alleinseins und Ausgeliefertseins wieder erleben als wären sie aktuell und auf die Situation hin passend. Ist es für das Unterbewusstsein stimmig reicht die Fliege an der Wand und die ganze Kaskade an Verlassenheit, Verrat und Betrug prasselt auf den Betroffenen ein. Derjenige ist für Tage der Überzeugung alles sei echt. Die Fliege sei Schuld. Und so geht man auf die Fliege los. Im völligen Wahn darüber nicht schon wieder diese Verletzung, diese Gefühle erleben zu wollen. Nein mit aller Kraft sollen sie abgewendet werden.

Und so organisieren sich traumatisierte Menschen strukturell um ihre Traumata herum. Sie antizipieren, wähnen, projizieren ihr Trauma. Ihre größte Angst tritt dann in nahen Beziehungen auf, wenn die Beziehung massiv bedeutsam geworden ist und man sie auf keinen Fall verlieren will. Das ist der Schlüssel zur Traumaaktivierung.

Die gute Nachricht alles geht immer gleich aus. Wir spielen Phönix und stehen hundert mal wieder von den Toten auf.

Die schlechte ist, wir spielen Phönix und stehen hundert Mal wieder von den Toten auf.

Du bist im Trauma. So lange du im Trauma bist gibt es kein Entrinnen.

Wäre es nicht so dramatisch würde ich sagen: und täglich grüsst das Murmeltier.

6 Kommentare zu „Phönix

  1. Da steckt so viel drin…. ja wir leben im Traumagefängnis, seit Generationen haben wir es uns errichtet – wozu? Im Kurs in Wundern geht es ums Erwachen – und hier geht es auch ums erwachen. Erwachen statt stetig immer wieder neue Lebensrunden in der EGO-Welt drehen, in der wir uns auf vielfältige Weise töten – wieder und wieder.

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